Einführung
Dass eine Kastration von Katzen generell sinnvoll ist, steht außer Frage. Weniger sichtbar als in manchem beliebten Urlaubsland, leben auch in Deutschland schätzungsweise rund 2 Millionen Straßenkatzen. Jedes Jahr erreichen Tierheime und Tierschutzvereine die Grenzen ihrer Kapazitäten und können keine weiteren Katzen aufnehmen. Um der unkontrollierten Vermehrung und dem damit einhergehenden Tierleid entgegen zu wirken, hilft nur die Kastration. Eigentlich jeder Tierschutzverein vermittelt seine Katzen nur kastriert weiter. Die Ausnahme bilden hier jedoch häufig Kitten und Jungkatzen, die vermeintlich zu jung zur Kastration sind. Doch junge Katzen erreichen heutzutage immer früher die Geschlechtsreife, was beispielsweise bei der Vermittlung mit einem Geschwistertier schnell zu ungewolltem Nachwuchs führen kann. Auch das Entlaufen eines unkastrierten Tieres ist problematisch. Schon lange ist in den USA und anderen Ländern die Frühkastration von Kitten die Regel und sollte auch hier zu Lande zur gängigen Praxis werden. So entfallen Kastrationsvereinbarungen und die damit einhergehenden Nachkontrollen, ob diese eingehalten wurden und am wichtigsten, weiterer, ungewollter Nachwuchs.

Was versteht man unter Frühkastration bei Katzen?
Die Frühkastration beschreibt die Kastration von Katzen deutlich vor dem Eintritt der Geschlechtsreife, in einem Alter zwischen 6 und 14 Wochen. Erfahrungsgemäß ist die Frühkastration im Alter von 10 – 12 Wochen ein guter Zeitpunkt. Die Kitten haben dann schon eine gewisse Größe und ihre erste Impfung, im Alter von 8 Wochen, erhalten.

Vorteile der Frühkastration
Die Frühkastration hat im Gegensatz zur späteren Kastration mehrere Vorteile. Durch das Fehlen von Bauchfett und die gute Sichtbarkeit der Blutgefäße ist eine schnellere Operation und das präzisere Stillen eventuell auftretender Blutungen möglich (Ahronson & Flaggella, 1993). Die daraus folgende, kürzere Narkosedauer belastet den Organismus weniger.
Außerdem ist ein kleinerer Einschnitt nötig, als bei älteren Katzen (Joyce & Yates, 2011). Durch den kleineren Einschnitt und die im jungen Alter schneller voranschreitende Wundheilung, treten deutlich weniger Komplikationen und postoperative Wundinfektionen auf (Ahronson & Flaggella, 1993).
Junge Katzen sind von dem Tierarztbesuch und dem operativen Eingriff auch deutlich weniger psychisch belastet und nehmen ihr normales Spiel- und Sozialverhalten mit den Geschwistertieren schnell wieder auf.
Bei einer Kastration im Alter unter 6 Monaten sinkt außerdem das Risiko an Karzinomen der, Gebärmutter, Hoden und vor allem der Gesäugeleiste zu erkranken signifikant (Overley et al., 2005). Eine möglichst frühe Kastration hilft außerdem dabei Infektionskrankheiten wie FIV und Leukose einzugrenzen, da diese beim Deckakt durch den Nackenbiss, bei Revierkämpfen oder von der Mutter auf die Kitten übertragen werden können (Hartmann & Hein, 2010).

Nachteile der Frühkastration
Die Narkose bei Jungkatzen muss genaustens dem Körpergewicht angepasst werden, was durchaus schwierig sein kann. Intramuskulär gespritzte Narkosemittel erreichen bei Jungkatzen mit einem Gewicht unter 1,5 Kilogramm häufig nicht die gewünschte Narkosetiefe. Bei einem Gewicht von unter 1,5 Kilogramm gibt es jedoch bestimmte Formeln um die Zusammensetzung verschiedener Mittel zu errechnen um die gewünschte Narkosetiefe dennoch zu erhalten (Joyce & Yates, 2011). Für einen erfahrenen Tierarzt ist dies in der Regel kein Problem. Außerdem ist bei Kitten die Gefahr einer Unterkühlung höher, da sie kaum Unterhautfettgewebe und ein größeres Oberfläche-zu-Volumen-Verhältnis haben (Little, 2008). Einer Unterkühlung kann man allerdings mit einem guten Management entgegenwirken.
Mythen und Fakten zur Frühkastration
Lange wurde behauptet, dass es einen Zusammenhang zwischen der Frühkastration und dem Auftreten von Infektionen des unteren Harntraktes bei Katern gibt. Langzeitstudien konnten dies allerdings nicht bestätigen und stellten sogar ein weniger häufiges Auftreten von Infektionen des unteren Harntraktes bei (früh)kastrierten Katern fest (Sampaio et al., 2022).
Dass die Kastration mit einer Abnahme der metabolischen Rate einhergeht stimmt (Fettman et al., 1997). Kastrierte Katzen haben ein erhöhtes Risiko für Fettleibigkeit und dadurch verursachte Erkrankungen. Nach einer Kastration fällt die energieintensive Produktion der Sexualhormone und dadurch ausgelöste Verhaltensweisen weg. Ob es sich dabei um eine Früh- oder Spätkastration handelt, spielt aber keine Rolle (Spain et al., 2004). Die Fütterung muss dementsprechend angepasst und Bewegungsreize gesetzt werden.
Eine weitere, häufige Behauptung ist, dass frühkastrierte Katzen deutlich größer werden als nicht frühkastrierte Artgenossen. Unterschiede in der Körpergröße sind allerdings mehrheitlich genetisch bedingt und eine Frühkastration hat keine Auswirkung auf die Körpergröße (Spain et al., 2004).
Manchmal bestehen Ängste, dass sich die Frühkastration negativ auf das Verhalten auswirken könnte. Porters et al. (2014), die diesen Aspekt untersuchten, konnten allerdings keine Unterschiede und kein vermehrtes Auftreten unerwünschter Verhalten (Ängstlichkeit, nicht-spielerische Aggression, zerstörerisches Verhalten) feststellen.

Rolle der Tierpfleger:innen
Wir Tierpfleger:innen bereiten die Tiere auf den Eingriff vor und betreuen sie danach. Um den Stress zu reduzieren und damit eine wirksame Narkose zu ermöglichen sollten Wurfgeschwister bis kurz vor dem Eingriff zusammenbleiben. Minimales Handling sowie ein ruhiger, warmer und dunkler Ort reduzieren den Stress weiter und beugen einer Unterkühlung vor. Nach dem Eingriff sollten die Kitten weiter warmgehalten und sobald wie möglich wieder mit den Wurfgeschwistern vereint werden. Sie dürfen bereits eine Stunde nach der Operation eine Kleinigkeit fressen. Bei Kitten, die noch nicht fressen, kann ein wenig Glukose ins Maul eingegeben werden, um die Körpertemperatur aufrecht zu erhalten.
In welchem Alter die Frühkastrationen durchgeführt werden, sollte gemeinsam mit dem Bestandstierarzt vereinbart werden. Zusätzlich sollten wir fundiert über die Vorteile, den Ablauf und die Notwendigkeit der Frühkastration von Katzen informieren und die Frühkastration als gute fachliche Praxis in Tierheimen und auch Privathaushalten etablieren. Denn nur so tragen wir aktiv und wirkungsvoll zur Reduktion der Katzenpopulation, dem alljährlichen Leid der Katzen und somit zum Tierschutz bei.
Notiz für Tiermediziner
Sowohl Little (2008) als auch Joyce & Yates (2011) geben in ihren Publikationen genaue Anleitungen zu Narkose und Ablauf bei Frühkastrationen an die Hand.
Susan Little: https://www.dvm360.com/view/early-age-altering-kittens-proceedings
Joyce & Yates (2011): https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1016/j.jfms.2010.11.005

Quellen
Aronsohn MG, Faggella AM. Surgical techniques for neutering 6- to 14-week-old kittens. J Am Vet Med Assoc. 1993 Jan 1;202(1):53-5. PMID: 8093611. https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://avmajournals.avma.org/view/journals/javma/202/1/javma.1993.202.01.53.pdf&ved=2ahUKEwiXxLu_p_qSAxWY2gIHHYaEKUAQFnoECAwQAQ&usg=AOvVaw1ZDXPdmkUuDKfrhVOLGSnY
Fettman MJ, Stanton CA, Banks LL, Hamar DW, Johnson DE, Hegstad RL, Johnston S. Effects of neutering on bodyweight, metabolic rate and glucose tolerance of domestic cats. Res Vet Sci. 1997 Mar-Apr;62(2):131-6. doi: https://doi.org/10.1016/s0034-5288(97)90134-x . PMID: 9243711.
Hartmann, Katrin, and Jutta Hein. Infektionskrankheiten der Katze. Schlütersche, 2010.
Joyce A, Yates D. Help Stop Teenage Pregnancy!: Early-Age Neutering in Cats: Early-Age Neutering in Cats. Journal of Feline Medicine and Surgery. 2011;13(1):3-10. https://doi.org/10.1016/j.jfms.2010.11.005
Little S. Early age altering of kittens (Proceedings). 2008. https://www.dvm360.com/view/early-age-altering-kittens-proceedings
Porters, N., De Rooster, H., Verschueren, K., Polis, I. & Moons, C. P. (2014). Development of behavior in adopted shelter kittens after gonadectomy performed at an early age or at a traditional age. Journal Of Veterinary Behavior, 9(5), 196–206. https://doi.org/10.1016/j.jveb.2014.05.003
Root MV, Johnston SD, Olson PN. The effect of prepuberal and postpuberal gonadectomy on radial physeal closure in male and female domestic cats. Vet Radiol Ultrasound. 1997 Jan-Feb;38(1):42-7. https://doi.org/10.1111/j.1740-8261.1997.tb01601.x. PMID: 9238769.
Sampaio K de O, Silva-Junior VA da, de Sousa-Filho RP, Aleixo GA de S, Mori da Cunha MGMC, da Silva ECB. Neutering is not associated with early-onset urethral obstruction in cats. Journal of Feline Medicine and Surgery. 2022;24(12):e611-e617. https://doi.org/10.1177/1098612×221128781
Spain CV, Scarlett JM, Houpt KA. Long-term risks and benefits of early-age gonadectomy in cats. J Am Vet Med Assoc. 2004 Feb 1;224(3):372-9. doi: 10.2460/javma.2004.224.372. PMID:14765796. https://avmajournals.avma.org/view/journals/javma/224/3/javma.2004.224.372.xml
Overley B, Shofer FS, Goldschmidt MH, Sherer D, Sorenmo KU. Association between ovarihysterectomy and feline mammary carcinoma. J Vet Intern Med. 2005 Jul-Aug;19(4):560-3. https://doi.org/10.1111/j.1939-1676.2005.tb02727.x. PMID: 16095174.

